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Perfektionismus in unterschiedlichen Lebensbereichen

Wenn ich hier über Perfektionismus spreche, dann meine ich den Anspruch, den ich an die Ausführungsqualität meiner Leistungen habe. Perfektionismus kann sich auch ausdehnen auf die Anforderungen, die ich an die Aufgabenerfüllung anderer stelle.

Wir beleuchten hier nicht die hohe Qualität oder Präzision, die insbesondere bei Arbeiten und Objekten gefordert wird, von denen Menschenleben abhängen. Zum Beispiel beim Führen von Transportmitteln aller Art, in Bezug auf medizinische Eingriffe oder Konstruktionen und Verfahren, bei denen es auf die hundertprozentige Präzision ankommt. Hier betrachten möchte ich die Dinge des alltäglichen (Arbeits-) Lebens.

Die Krux mit dem Perfektionismus

Viele Menschen haben einen sehr hohen Anspruch daran, wie bestimmte Aufgaben erledigt werden müssen – wie perfekt die Lösung auszusehen hat. An sich sind supergute Ergebnisse natürlich eine feine Sache. Nur: je perfekter man alle Aufgaben erledigen will, desto mehr Zeit braucht man dazu. Und desto höher ist in der Regel auch der Stresspegel, weil es ja immer noch ein bisschen besser gehen könnte.

  • Was sind Ihre persönlichen Ansprüche an Ihre Leistung?
  • Liegt Ihre persönliche Messlatte höher, als zum Beispiel die Ihrer Vorgesetzten?
  • Finden Sie nie zu einem Ende, weil immer noch „mehr“ geht und sie es sicher noch besser machen könnten?
  • Wann erreichen Sie den Punkt, an dem Sie mit Ihrer Arbeit und schlussendlich auch mit sich selbst zufrieden sind?

Wenn Sie sehr hohe Ansprüche an sich haben und immer nur das perfekte Ergebnis anstreben, kann das auf die Dauer sehr anstrengend sein.

Ich habe das in meinem Berufsleben sehr oft erlebt. Ein ganzes Team arbeitet manchmal Tage, oder sogar Wochen daran, bestimmte interne Unterlagen aufzubereiten. Es wird die perfekte Formulierung, die schlüssigste Herleitung, die schönste Gestaltung oder aber auch sicherste Abstimmung gesucht. Gibt es am Ende das perfekte Papier? Ich sage nein. Dem gerade im Geschäftskontext ändern sich Parameter, Meinungen, Strukturen meist relativ schnell und diese Papiere haben bestmöglich den Stand von gestern. Warum ist das so? Weil sich die meisten Leute keine Gedanken über die internen Kosten solcher Arbeiten machen. Die Mitarbeiter sind ja sowieso da und es wird kaum abgegrenzt wofür man seine Arbeitszeit einsetzt. Ich habe mir einmal den Spaß gemacht für eine bestimmte Präsentation zusammenzurechnen was die internen Kosten der daran beteiligten Mitarbeiter so ergeben würden. Ich kam auf eine fünfstellige Summe. Wenn dies im Vorfeld berücksichtigt worden wäre, dann hätte sicherlich auch eine gute Lösung ihren Zweck erfüllt.

Die Lösung: Machen Sie’s nach „Pareto“

Nach dem Pareto-Prinzip ist ein gutes Ergebnis (also 80 % des „Solls“) mit einem Arbeitsaufwand von durchschnittlich 20 % erreichbar. Das Pareto-Prinzip ist zwar nicht ungefiltert überall einsetzbar; nach meinen Erfahrungen sind in den meisten zu verschriftlichenden Arbeiten (Konzepte, Entscheidungsvorlagen, Reporte, Protokolle, etc.) jedoch gute Ergebnisse damit zu erzielen und eine vernünftige Basis für ein effizientes Arbeiten zu legen. Möchten wir jedoch die, vielleicht sogar nur selbst angestrebten, 100 % Perfektion erreichen, so müssen wir auch 100 % Aufwand in die Erstellung investieren. Das ist – grob gerechnet – also ein Aufwand, der fünfmal so hoch ist wie für ein gutes Ergebnis „nötig“ wäre.

Was kann ich tun, wenn ich selber der Treiber für Perfektionismus bin?

Ich fange erst einmal an, mich zu beobachten.

  • Habe ich diese hohen Ansprüche in allen Lebensbereichen oder differenziere ich?
  • Was treibt mich an, eine perfekte Leistung abzuliefern?
  • Suche ich nach Anerkennung anderer oder schätze ich meine eigene Leistungsfähigkeit grundsätzlich zu niedrig ein und treibe mich damit selbst an?

Wenn ich nicht glaube, dass ich in der Lage bin, gute Leistung abzugeben, dann kann das vielleicht mit dem Impostor Syndrom zusammenhängen. Hier beziehe ich alle meine Erfolge auf die glücklichen Umstände und nicht auf meine eigenen Leistungen. Da ich nicht glaube, gut zu sein, versuche ich, immer besser, immer perfekter zu werden.

Wenn es mir um die Anerkennung anderer geht, dann kann das einer ihrer inneren Antreiber sein, der regelmäßig bedient werden möchte. Das kann auch zur Folge haben, dass immer ein möglichst perfektes Ergebnis angestrebt wird.

Wie kann ich Perfektionismus entschärfen?

Zuerst einmal muss ich erkennen, dass mich mein Perfektionismus stört und stresst und ich etwas ändern möchte. Hier ist eine etablierte Vorgehensweise, sich die unterschiedlichen Bereiche seines Lebens anzusehen und einmal aufzuzeigen, wo die eigene Messlatte in Sachen Perfektionismus eigentlich liegt. Dazu kann man als Metapher gut eine Hürde nutzen, auf die man in 5 Stufen (20%, 40%, 60%, 80%, 100%) Latten auflegen kann.

  1. Entscheiden Sie, welche Bereiche Sie ansehen wollen:
    • die Kernaufgaben des Studiums / Berufs
    • die unwichtigen Bereiche des Studiums / Berufs
    • den privaten Alltag
    • den Haushalt
    • die Familie
    • die Hobbys
    • den Freundeskreis
  2. Zeichnen Sie mit einem farbigen Stift ihre Ansprüche in jeweils eine Hürde ein.
  3. Entscheiden Sie, ob Sie etwas verändern möchten:
    • Tragen Sie jetzt mit einer anderen Farbe ein, wie hoch sie die Messlatte vielleicht zukünftig bei nicht so wichtigen Aufgaben legen wollen.
    • Wollen Sie diese Zeit vielleicht für andere Aktivitäten verwenden?

Wenn Sie diese Übung gemacht haben, dann haben Sie eine schöne Übersicht über die Bereiche, in denen sie vielleicht einmal vorsichtig Ihren Leistungsanspruch verändern können. Wenn keine signifikanten negativen Rückmeldungen von den anderen Betroffenen kommen, dann kann es Sie stärken und Sie werden Situationen „leichter“ werten:

„Ich werde nicht weniger geliebt, wenn das Familienessen nicht an den Standard des „Perfekten Dinners“ heranreicht.“

„Meine Vorgesetzten sind auch zufrieden, wenn ich meine Arbeit korrekt erledige, ohne dass ich das Letzte, aus meiner Sicht Mögliche, aus mir heraushole. Im Gegenteil, es kann mir sogar passieren, dass ich plötzlich keine Überstunden mehr machen muss und meine Arbeitszufriedenheit durch mein eignes, selbst bestimmtes Handeln steigt.“

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Umgang mit einem Hang zum Perfektionismus ein Lebensthema ist. Er erscheint immer wieder, manchmal schleichend, manchmal spontan – in unterschiedlichsten Bereichen. Mir hilft es, aufmerksam zu sein und diesen Anflug auch mal mit Humor zu nehmen. Da Perfektionismus ein Antreiber für sehr gute Leistung ist, kann man ihn auch gezielt einsetzen, wenn man seinen „Stopp-Knopf“ kennt. Dann ist Perfektionismus beflügelnd und positiv.

Wenn Perfektionismus – dann wohldosiert!

Cheryl Sandburg ist die Geschäftsführerin von Facebook und schreibt in ihrem Buch „Lean in“:

„In jeder Klausur dachte ich, ich würde ganz bestimmt eine schlechte Note bekommen und jedes Mal, wenn ich mich nicht blamierte oder sogar glänzte, glaubte ich, irgendwann würde das Spiel aus sein und ich würde auffliegen.“

Kennen Sie das Gefühl vielleicht auch? Früher oder später geht es vielen einmal so. Diese Fehleinschätzung kann vereinzelt und in bestimmten Phasen auftreten oder uns ein Leben lang begleiten. Dieses Phänomen hat sogar einen eigenen Namen: das Impostor- oder Hochstaplersyndrom.

Wer von dem Impostor-Syndrom betroffen ist, hat so starke Selbstzweifel, dass er Erfolge nicht auf sich selbst zurückführen kann. Bei den Betroffenen sind die Zweifel vollkommen unbegründet, denn tatsächlich handelt es sich oft um leistungsstarke und erfolgreiche Menschen. Sie sind demnach keine „echten“ Hochstapler, sondern empfinden in bestimmten Situationen aufgrund ihrer Selbstzweifel die eigene Kompetenz als nicht hoch genug. Sie leben in der Angst, von ihrem Gegenüber als nicht fähig entlarvt zu werden – trotz hohen Leistungsniveaus. Wissenschaftler sagen, dass ca. 70 % der Bevölkerung solche Gefühle kennen und die Angst haben, als Versager identifiziert zu werden.

Insgesamt sind mehr Frauen und ethnische Minderheiten von diesem Gefühl betroffen sowie Menschen, die tatsächlich überdurchschnittliche Leistungen erbringen – zum Beispiel als Fachkraft oder im Top-Management.

Mögliche Ursachen

Die Ursachen für das Hochstapler-Syndrom sind vielfältig. Eine Wechselwirkung zwischen der Anlage, also einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur, und bestimmten umweltbedingten Einflussfaktoren ist wahrscheinlich. Auslöser können vor allem in der Kindheit liegen. Eine Ursache liegt auch in unseren modernen Leistungsgesellschaften, in denen man dazu gedrängt wird, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Social Media wirkt regelrecht wie ein Brandbeschleuniger für Selbstzweifel, da die Timelines stets voller erfolgreicher Geschichten sind, die zeigen, wie toll wir eigentlich sein könnten oder wie man sein Leben noch stärker auf Erfolg trimmen kann.

Wer permanent das Gefühl hat, nicht gut genug zu sein, setzt sich unter Druck.
Druck macht Stress -> Stress macht krank.

Wer am Impostor-Syndrom leidet, mutiert häufig zum Perfektionisten. Typisch ist es auch, dass man prokrastiniert, also wichtige Aufgaben vor sich herschiebt und sich stattdessen mit den weniger drängenden Themen beschäftigt. Das Impostor-Syndrom an sich ist keine Krankheit; es ist etwas, womit viele Menschen zu kämpfen haben. Vielen Betroffenen ist es gar nicht bewusst, dass sie an diesem Syndrom leiden; wenn aber die Anzeichen genannt werden, fühlen Sie sich angesprochen. Das Gute ist: Sie haben es selbst in der Hand, daran etwas zu ändern. Der erste Schritt ist, Anzeichen hierfür bei sich selbst zu erkennen.

Das können Sie gegen das Impostor-Syndrom tun

Machen Sie Erfolge sichtbar!

  • Visualisieren Sie Ihre Erfolge, die durch eigene Anstrengungen erzielt wurden, mit Hilfe von Listen.
  • Führen Sie Ihr persönliches Erfolgstagebuch:
    • Notieren Sie Ihre positiven Rückmeldungen und besonderen Leistungen.
    • Nehmen Sie bewusst wahr, wenn etwas ganz ohne eigenes Zutun gescheitert ist.
    • Lesen Sie regelmäßig, und vor allem bei Zweifeln, in dieser positiven Sammlung!

Wechseln Sie Ihre Perspektive!

  • Erkennen Sie, dass auch Superhelden mal scheitern und wir dies oft bei anderen Menschen nicht sehen.
  • Suchen Sie sich ab und zu explizit Projekte aus, die schief gehen dürfen; lernen Sie, dies „auszuhalten“.
  • Unterscheiden Sie genau zwischen Gefühlen und Fakten. Wir alle fühlen uns mal unfähig oder dumm. Aber nur, weil man sich so fühlt, heißt das nicht, dass es auch der Wahrheit entspricht. Gucken Sie von außen auf die Situation.
  • Benennen Sie die Impostor- Gefühle und sagen Sie sich: Das bin nicht ich. Das ist das Impostor-Syndrom; geben Sie ihm ruhig einen Namen. So können Sie aktiv dagegen vorgehen.

Suchen Sie sich Hilfe!

  • Sprechen Sie mit Freunden über Ihre Angst und Scham. Allein schon, der eingebildeten Schwindelei einen Namen zu geben, kann nützlich sein, sich davon zu befreien.
  • Suchen Sie sich im engen Kreis eine/n Verbündete/n, mit der/dem Sie gegenseitig Loblieder aufeinander singen können.

Und wenn Sie Ihre negativen Gedanken und Gefühle gar nicht steuern können, sollten Sie sich einem Profi anvertrauen. Es ist keine Schande, um Hilfe zu bitten. Suchen Sie sich einen Experten, der dazu ausgebildet ist, Menschen zu helfen, die unter psychischem Druck stehen.

Wenn Sie das Problem innerer Selbstzweifel erkennen (Glückwunsch, dies ist der erste Schritt), benennen Sie es offen und laut – das ist der zweite Schritt; und dann formulieren Sie gezielt Ihre negativen Gedanken in positive um. Sie verdienen für harte und gute Arbeit genau den Erfolg. Loben Sie sich selbst.

Seien Sie offen und ehrlich mit sich!

Wenn Sie diesen Artikel gelesen haben und nicht sicher sind, ob Sie vielleicht selbst betroffen sind, schreiben Sie mir einfach eine Mail an kontakt@naeserconsulting.de und ich schenke Ihnen den Fragebogen zur Selbstauswertung.